Zwischen Krisen und Alltag: Wie ständige Herausforderungen unsere Kinder und Jugendlichen prägen - MoonWalker Verlag

Zwischen Krisen und Alltag: Wie ständige Herausforderungen unsere Kinder und Jugendlichen prägen

von Lisa Seidel (Psychologin M.Sc. & Autorin)

In den letzten Jahren haben Kinder und Jugendliche eine Vielzahl von Krisen hautnah erlebt: von der COVID-19-Pandemie über den Klimawandel und wirtschaftliche Unsicherheiten bis hin zu geopolitischen Spannungen und Naturkatastrophen. Diese Krisen haben nicht nur das Leben von Erwachsenen verändert, sondern auch die Weltwahrnehmung von jungen Menschen grundlegend geprägt. Während frühere Generationen Krisen meist als einmalige oder zeitlich begrenzte Ereignisse wahrnahmen, wachsen heutige Kinder und Jugendliche in einer Realität auf, in der Unsicherheiten und Bedrohungen allgegenwärtig erscheinen.

Diese kontinuierliche Konfrontation mit Krisen führt zu einem Zustand, der als „Krisennormalität“ bezeichnet wird – einer Situation, in der außergewöhnliche Krisen so häufig auftreten, dass sie zum normalen Bestandteil des Alltags werden. Doch welche psychologischen und sozialen Folgen hat diese Entwicklung für die junge Generation?

 

Was versteht man unter "Krisennormalität"?

„Krisennormalität“ beschreibt eine Lebensrealität, in der Kinder und Jugendliche kontinuierlich mit Krisenszenarien konfrontiert werden, sodass diese zur vertrauten Umgebung werden. Anders als punktuelle Krisen, die nach einer Zeit überwunden werden, bleiben diese Herausforderungen langfristig bestehen und beeinflussen das Sicherheitsgefühl und die psychische Stabilität junger Menschen.

Ein Kind, das heute aufwächst, wird in einer Welt sozialisiert, in der Pandemien, Kriege, Klimakatastrophen und wirtschaftliche Unsicherheiten allgegenwärtig sind. Diese Krisen sind nicht mehr isolierte Ereignisse, sondern werden durch die mediale Dauerpräsenz, insbesondere in sozialen Netzwerken, intensiviert und ständig wiederholt (Borchard, 2023). Dadurch erleben Kinder und Jugendliche eine permanente Alarmbereitschaft, die sich auf ihre psychische Gesundheit auswirken kann.

 

Ursachen der Krisennormalität bei jungen Menschen

Mehrere gesellschaftliche und technologische Faktoren tragen dazu bei, dass Krisen zunehmend zur „Normalität“ werden:

1. Globale Herausforderungen und ihre Auswirkungen

Globale Krisen wie die COVID-19-Pandemie, der Klimawandel, der Krieg in der Ukraine und wirtschaftliche Unsicherheiten haben direkte und indirekte Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Diese Ereignisse betreffen nicht nur ihr unmittelbares Umfeld, sondern bedrohen auch ihre Zukunftsperspektiven und lassen ein Gefühl von Unsicherheit und Ohnmacht entstehen (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie [DGKJP], 2022).

2. Digitale Informationsflut und mediale Dauerpräsenz

Kinder und Jugendliche wachsen in einer digitalen Welt auf, in der Informationen in Echtzeit verfügbar sind. Soziale Medien verstärken die Wahrnehmung von Krisen, da sie Nachrichten nicht nur verbreiten, sondern auch emotionalisieren.

Junge Menschen verbringen im Durchschnitt mehrere Stunden täglich auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube, wo sie nicht nur Unterhaltungsinhalte konsumieren, sondern auch ununterbrochen mit globalen Krisen und Katastrophen konfrontiert werden (Neumann et al., 2023). Durch Algorithmen, die auf emotionale Inhalte ausgerichtet sind, werden Nachrichten mit einer hohen emotionalen Wirkung bevorzugt ausgespielt. Dies führt dazu, dass schockierende, negative oder beängstigende Inhalte in der Timeline dominieren – eine sogenannte Doomscrolling-Spirale, in der Nutzerinnen und Nutzer endlos negative Nachrichten konsumieren, was wiederum Ängste und Stress verstärkt (Leopoldina, 2024).

Ein besonderes Problem ist, dass viele dieser Informationen ungefiltert und unkontextualisiert präsentiert werden. Während traditionelle Nachrichtenmedien Fakten prüfen und kontextualisieren, fehlt diese Einordnung bei vielen Inhalten in sozialen Netzwerken. Kinder und Jugendliche, deren Medienkompetenz noch in der Entwicklung ist, können häufig nicht zwischen verlässlichen und irreführenden Informationen unterscheiden. Dies kann zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität führen, in der die Welt als bedrohlicher, instabiler und unkontrollierbarer erscheint, als sie tatsächlich ist (BZgA, 2023).

3. Verlust sozialer Stabilität und Orientierung

Durch pandemiebedingte Lockdowns, Schulschließungen und soziale Isolation haben viele Kinder und Jugendliche das Gefühl von Stabilität und Struktur verloren. Der Wegfall von sozialen Kontakten und gewohnten Routinen hat nicht nur die soziale Entwicklung beeinträchtigt, sondern auch das Sicherheitsgefühl vieler junger Menschen erschüttert (BZgA, 2023).

 

Folgen der Krisennormalität für die psychische Gesundheit

Die ständige Konfrontation mit Krisen führt zu einer psychischen Belastung, die sich auf verschiedene Weisen manifestieren kann:

1. Anstieg von Angststörungen und Depressionen

Studien belegen, dass psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren zugenommen haben. Besonders die COVID-19-Pandemie hat die Häufigkeit von Angststörungen und Depressionen signifikant erhöht (Gut Drauf, 2023). Kinder und Jugendliche fühlen sich oft hilflos und überfordert angesichts einer Welt, die scheinbar außer Kontrolle geraten ist.

2. Gefühl der Hilflosigkeit und Resignation

Wenn Krisen als unausweichlich empfunden werden, kann dies zu einem Gefühl der Ohnmacht führen. Junge Menschen, die glauben, dass sie wenig Einfluss auf globale Entwicklungen haben, neigen eher zu Resignation und Passivität. Dies kann langfristig das Engagement für gesellschaftliche Themen und die persönliche Entwicklung beeinträchtigen (Leopoldina, 2024).

3. Beeinträchtigung der sozialen und emotionalen Entwicklung

Die durch Krisen verursachte soziale Isolation hat nicht nur die soziale Kompetenzentwicklung von Kindern und Jugendlichen verzögert, sondern auch ihre Fähigkeit zur emotionalen Regulation beeinträchtigt. Fehlende soziale Interaktionen und mangelnde emotionale Unterstützung können langfristige Folgen für die psychosoziale Entwicklung haben (DGKJP, 2022).

4. Erhöhte Sensibilität für bedrohliche Reize

Durch die permanente Konfrontation mit negativen Nachrichten entwickelt sich bei vielen Kindern und Jugendlichen eine erhöhte Sensibilität für bedrohliche Reize. Dies führt dazu, dass sie Gefahren schneller wahrnehmen und sich häufiger in einem Zustand von Hypervigilanz befinden – einem Zustand der ständigen Wachsamkeit und Angstbereitschaft, der langfristig zu psychischer Erschöpfung führen kann (Neumann et al., 2023).

 

Wege zur Unterstützung und Resilienzförderung

Um Kindern und Jugendlichen zu helfen, mit dieser neuen Normalität umzugehen, sind gezielte Maßnahmen erforderlich:

1. Offene und ehrliche Kommunikation

Eltern und Pädagogen sollten einen offenen Dialog über aktuelle Ereignisse führen und den Raum für Fragen, Sorgen und Ängste bieten. Kinder sollten ermutigt werden, ihre Gefühle auszudrücken und ihre Unsicherheiten zu benennen (BZgA, 2023).

2. Förderung der Selbstregulation und Resilienz

Die Stärkung von Selbstregulationskompetenzen und die Förderung von Resilienzstrategien helfen jungen Menschen, besser mit Unsicherheit und Stress umzugehen. Dazu gehören Achtsamkeitstraining, Stressbewältigungsstrategien und der bewusste Umgang mit Medien (Leopoldina, 2024).

3. Medienkompetenz gezielt fördern

Eine gezielte Förderung der Medienkompetenz ist unerlässlich, um Kindern und Jugendlichen zu helfen, die Flut an Informationen kritisch zu bewerten. Sie sollten lernen, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, seriöse Nachrichtenquellen zu erkennen und bewusst Medienpausen einzulegen, um einer Überlastung vorzubeugen (BZgA, 2023).

4. Schaffung sicherer Räume und sozialer Stabilität

Kinder und Jugendliche benötigen sichere Orte, an denen sie Geborgenheit und Stabilität erfahren. Diese Räume können physischer, emotionaler und sozialer Natur sein und dienen als Rückzugsorte, in denen sie sich sicher fühlen können.

 

Fazit

Krisennormalität ist eine Herausforderung, die unsere Kinder und Jugendlichen prägt. Während es wichtig ist, dass sie über globale Herausforderungen informiert sind, ist es ebenso entscheidend, ihnen Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Nur wenn wir sie dabei unterstützen, mit Unsicherheit umzugehen und gleichzeitig Perspektiven für eine bessere Zukunft zu entwickeln, können wir sicherstellen, dass sie gestärkt aus dieser Krisenzeit hervorgehen.

 

Literaturverzeichnis

Borchard, M. (2023). Krisenbewältigung bei Jugendlichen: Herausforderungen und Lösungsansätze. Springer.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). (2023). Pandemiefolgen bei Jugendlichen: Auswirkungen und Handlungsempfehlungen. BZgA.

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). (2022). Psychosoziale Folgen globaler Krisen bei Kindern und Jugendlichen. DGKJP-Verlag.

Gut Drauf. (2023). Wie Jugendliche auf Pandemien und Krisen reagieren: Eine Bestandsaufnahme. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Leopoldina. (2024). Selbstregulation als Schlüsselkompetenz zur Krisenbewältigung bei jungen Menschen. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Neumann, S., Müller, H., & Becker, T. (2023). Doomscrolling und die Auswirkungen ungefilterter Nachrichten auf die Psyche von Jugendlichen. Beltz Verlag.

Bildquellen: istock.de

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