Wenn etwas fehlt! - Verlusterfahrungen in der Kindheit und Jugend - MoonWalker Verlag

Wenn etwas fehlt! - Verlusterfahrungen in der Kindheit und Jugend

 

von Lisa Seidel (Psychologin M.Sc. & Autorin)

Abstract Verlusterfahrungen gehören zu den tiefgreifendsten Erlebnissen im Leben junger Menschen. Sie beschränken sich nicht nur auf den Tod eines geliebten Menschen, sondern umfassen zahlreiche andere Formen des Verlustes wie Trennung, Umzug oder den Verlust von sozialen Beziehungen. Der Einfluss sozialer Medien verändert dabei sowohl das Erleben als auch die Verarbeitung solcher Erfahrungen. Dieser Artikel beleuchtet die Vielfalt an Verlustformen, ihre psychischen Auswirkungen und den Stellenwert digitaler Medien in der heutigen Jugendkultur.

Einleitung

Verlust wird im psychologischen Sinne als ein einschneidendes Ereignis verstanden, bei dem etwas Bedeutungsvolles verloren geht. Im Kindes- und Jugendalter können solche Verluste besonders belastend sein, da Bewältigungsstrategien und emotionale Reife oft noch nicht voll entwickelt sind (Lutz, 2013). Dabei sind Kinder und Jugendliche nicht nur von Todesfällen betroffen, sondern auch von Trennung der Eltern, Schulwechseln, Freundschaftsabbrüchen, Erkrankungen oder Identitätskonflikten.

Formen von Verlust

  1. Tod eines nahestehenden Menschen: Der klassische Verlust, der mit Trauer und existenziellen Fragen einhergeht. Besonders Kinder bis zum 10. Lebensjahr haben oft noch kein vollständiges Verständnis vom Tod (Lange, 2020).
  2. Trennung oder Scheidung der Eltern: Eine häufige Verlustform, die mit Gefühlen von Verlassenwerden, Schuld oder Loyalitätskonflikten einhergehen kann (Walper & Beckh, 2015).
  3. Verlust von Freundschaften: Durch Umzüge, Mobbing oder soziale Konflikte. Besonders in der Adoleszenz, in der Peer-Beziehungen zentrale Bedeutung haben, kann dieser Verlust stark verunsichern (Hurrelmann, 2019).
  4. Verlust von Heimat oder Stabilität: Etwa durch Flucht, Umzug, Pflegeunterbringung oder chronische Armut. Solche Verluste gehen häufig mit dem Verlust von Vertrauen und Sicherheit einher (UNICEF, 2021).
  5. Verlust von Körperfunktionen oder Gesundheit: Eine schwere Krankheit oder ein Unfall kann das Leben grundlegend verändern und zur Neudefinition der eigenen Identität führen (Bengel & Lyssenko, 2012).
  6. Identitäts- oder Selbstwertverlust: Vor allem im Kontext von Mobbing, sozialem Druck oder sexueller Orientierung. Jugendliche können sich entfremdet, unverstanden oder entwertet fühlen (Korte, 2021).

Psychische Auswirkungen von Verlusten

Verluste können zu ängstlichen, depressiven oder regressiven Verhaltensweisen führen. Manche Kinder ziehen sich zurück, andere reagieren mit Wut oder Schuldgefühlen. Die langfristigen Folgen hängen stark davon ab, ob sie unterstützend begleitet wurden und ob Bewältigungsstrategien gefördert wurden (Schröder & Friedrich, 2017).

Soziale Medien als Verstärker oder Hilfsmittel?

Digitale Medien spielen bei der Verarbeitung von Verlusten eine ambivalente Rolle. Einerseits bieten sie Plattformen für Austausch, Gedenken und emotionale Entlastung. Kinder und Jugendliche können in sozialen Netzwerken über Verluste sprechen, sich mit anderen Betroffenen vernetzen oder Rituale digital gestalten (Mediendiskurs, 2023).

Andererseits können soziale Medien auch Verlustgefühle verstärken – etwa durch den ständigen Vergleich mit "perfekten" Leben anderer, durch Cybermobbing oder die digitale Wiederbegegnung mit ehemaligen Freund:innen. Verluste werden dadurch nicht selten chronifiziert oder unterdrückt (Luhmann, 2023).

Prävention und Unterstützung

  • Gesprächsfördernde Angebote wie Trauergruppen, Schulsozialarbeit oder digitale Beratungsangebote (z. B. krisenchat.de)
  • Einführung von Gefühls- und Resilienztrainings in Bildungseinrichtungen
  • Stärkung von Bezugspersonen und Peer-Netzwerken als Ressource
  • Medienbildung: kritischer Umgang mit sozialen Netzwerken und reflektierter Einsatz digitaler Tools zur Verarbeitung

Fazit

Verlust ist mehr als nur Trauer nach einem Todesfall. Kinder und Jugendliche erleben vielfältige Formen von Verlust, die tief in ihre psychische Entwicklung eingreifen können. Die sozialen Medien verstärken dabei sowohl Risiken als auch Chancen. Entscheidend ist, wie wir Kinder im Umgang mit diesen Erfahrungen begleiten, unterstützen und stärken.

Buchtipp: 

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Literaturverzeichnis

Bengel, J., & Lyssenko, L. (2012). Psychische Gesundheit und Krankheit. Springer.

Hurrelmann, K. (2019). Lebensphase Jugend. Beltz.

Korte, M. (2021). Der Einfluss sozialer Medien auf die Psyche. AOK Magazin. https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/der-einfluss-sozialer-medien-auf-die-psyche/

Lange, M. (2020). Trauer bei Kindern und Jugendlichen verstehen. Klett-Cotta.

Luhmann, M. (2023, 24. November). Forscherin warnt vor emotionaler Vereinsamung Jugendlicher durch Social Media. Jugendsozialarbeit News. https://jugendsozialarbeit.news/forscherin-warnt-vor-emotionaler-vereinsamung-jugendlicher-durch-social-media/

Lutz, A. (2013). Kinder trauern anders: Verlust- und Trauererfahrungen in Kindheit und Jugend. Vandenhoeck & Ruprecht.

Mediendiskurs. (2023). Abschied nehmen online. https://mediendiskurs.online/beitrag/abschied-nehmen-online-trauer-im-netz-beitrag-1009/

Schröder, H., & Friedrich, K. (2017). Krisen in der Kindheit erkennen und bewältigen. Reinhardt.

UNICEF. (2021). Kinder in der Krise. https://www.unicef.de/blob/263144/e6b5b88b84c70db73333a9e38ad98e30/unicef-bericht-2021-data.pdf

Walper, S., & Beckh, C. (2015). Familienleben nach Trennung und Scheidung. In Schneewind, K. A. (Hrsg.), Psychologie der Familie (S. 349–375). Springer.

Bildquellen: istock.de

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