Angst verstehen: Von ihrem Nutzen bis zur Störung

Angst verstehen: Von ihrem Nutzen bis zur Störung

Angst verstehen: Von ihrem Nutzen bis zur Störung

von Hannah Dressler (Psychologin M.Sc.)

04.06.2024


Angst – wir alle kennen dieses faszinierende und zugleich unheimliche Gefühl, das einen so tiefgreifenden Einfluss auf unser Leben ausüben kann. Die Angst gehört zu unseren primären Emotionen (Basler, 2005), das heißt, sie spielt eine Rolle im Leben eines jeden Menschen, unabhängig vom kulturellen Hintergrund oder dem Lebensalter. Als angeborene Emotion dient die Angst dazu, uns vor den potenziellen Gefahren des Lebens zu schützen (Kleespies, 2003), und ist somit tief in unserer Existenz verwurzelt. Wenn die Angst außer Kontrolle gerät und uns in extremen Maßen einschränkt, kann diese Schutzfunktion allerdings zu erheblichem Leid führen (Morschitzky, 2002). In diesem ersten Blogbeitrag der Reihe zum Thema Angst werfen wir einen Blick darauf, wie Angst sich auf unseren Körper auswirkt, welchen (evolutionären) Zweck sie erfüllt und in welchen Momenten sie zu einer persönlichen Herausforderung werden kann. 

 

Wenn wir Angst verspüren, hat das Einfluss auf unseren Körper und löst verschiedene Reaktionen aus. Unsere Herzfrequenz, der Puls und der Blutdruck steigen an (Kleespies, 2003). Es werden Stresshormone freigesetzt (Rodrigues et al., 2009), und unsere Atmung wird schneller (Masaoka & Homma, 2001). Unser Körper ist also in Alarmbereitschaft. Auch wenn sich dieser Zustand unangenehm anfühlen kann, ist es wichtig zu verstehen, dass Angst einen Zweck als Warnsignal erfüllt und (im evolutionären Kontext) frühzeitige und angemessene Reaktionen auf Bedrohungen ermöglicht (Steimer, 2002). Kleespies (2003) betont, dass Furcht vor bestimmten Reizen teilweise angeboren ist, wie zum Beispiel die Furcht vor lauten, plötzlichen Geräuschen. Zudem haben wir die Fähigkeit, im Laufe unseres Lebens zu lernen, uns vor neuen Dingen zu fürchten (Kleespies, 2003). Eine passende (evolutionäre) Reaktion auf Gefahr, wie zum Beispiel der Angriff eines gefährlichen Tieres, besteht darin, zu fliehen oder zu kämpfen, um sich selbst zu verteidigen. In diesem Zusammenhang wird auch oft von einem Kampf-Flucht System gesprochen (Basler, 2005). Die beschriebenen körperlichen Veränderungen bereiten unseren Körper demnach darauf vor, für eine dieser Maßnahmen bereit zu sein; unser Körper stellt sich darauf ein aktiv zu werden. 

Trotz ihrer natürlichen hilfreichen Funktion kann Angst allerdings in krankhafter Form auftreten und die Fähigkeit beeinträchtigen, erfolgreich mit stressigen Ereignissen umzugehen (Horwitz & Wakefield, 2012; Schnittker, 2022). Die Herausforderungen des modernen Lebens können sich stark von den Gefahren im Tierreich und unserer evolutionären Vorfahren unterscheiden, auch wenn wir weiterhin dieselben körperlichen Reaktionen zeigen. Kleespies (2003) hebt deshalb hervor, dass es unsere Aufgabe sei den Umgang mit unseren natürlichen Ängsten zu erlernen. Selbstvertrauen, bzw. ein Selbstsicherheitsgefühl spiele hier eine entscheidende Rolle.   

Daraus lässt sich ableiten, dass es möglicherweise von Nutzen wäre, gezielt Maßnahmen zu unterstützen, die darauf abzielen, das Selbstvertrauen zu stärken, z.B. bei Kindern und Jugendlichen, die mit Ängsten zu kämpfen haben. In dieser Reihe zum Thema Angst werden wir uns genauer mit verschiedenen Alltags- und pathologischen Ängsten beschäftigen, und wie wir lernen können, konstruktiver mit diesen umzugehen. 

Ich hoffe, dass dich dieser Beitrag dazu ermutigt zu erkennen, dass das komplexe Gefühl der Angst nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Quelle des Schutzes sein kann. Es ist sicher keine leichte Aufgabe die Schutzfunktion der Angst zu respektieren, ohne sich durch diese fesseln zu lassen.  Ich hoffe, dass dich dieser Beitrag dazu ermuntern kann, einen achtsamen Umgang mit dem Gefühl zu pflegen und eigene Ängste zu reflektieren.  




Literaturverzeichnis



Basler, M. (2005). Neurobiologische Grundlagen von Angst. Psychotherapie der Angsterkrankungen. Thieme, Stuttgart, 11-19.

Horwitz, A. V., & Wakefield, J. C. (2012). All we have to fear psychiatry’s transformation of natural anxieties into mental disorders. Oxford University Press. 

Kleespies, W. (2003). Angst verstehen und verwandeln: Angststörungen und ihre Bewältigung in der Psychotherapie. Ernst Reinhardt Verlag.

Masaoka, Y., & Homma, I. (2001). The effect of anticipatory anxiety on breathing and metabolism in humans. Respiration Physiology, 128(2), 171–177. https://doi.org/10.1016/s0034-5687(01)00278-x  

Morschitzky, H. (2002). Angststörungen. In: Angststörungen. Springer, Vienna. https://doi.org/10.1007/978-3-7091-3727-7_2

Rodrigues, S. M., LeDoux, J. E., & Sapolsky, R. M. (2009). The influence of stress hormones on fear circuitry. Annual Review of Neuroscience, 32(1), 289–313. https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.051508.135620  

Schnittker, J. S. (2022). Anxiety. Emotions in Culture and Everyday Life, 133–149. https://doi.org/10.4324/9781003208556-9  

Steimer, T. (2002). The biology of fear- and anxiety-related behaviors. Dialogues in Clinical Neuroscience, 4(3), 231–249. https://doi.org/10.31887/dcns.2002.4.3/tsteimer  

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